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Sandburgen
Ein langer Sandstrand im Sommer eignet sich ganz hervorragend zum Seele baumeln lassen. Wenn das Wetter dabei noch stimmt, lädt das Meer zum Baden ein.
Was ist es doch für ein herrliches Gefühl, wenn man nach dem Schwimmen und Plantschen erschöpft das Wasser verlässt und die Haut von der frischen Brise getrocknet wird. Mit dem Duft des salzigen Wassers in der Nase liegt man dann auf seinem Liegestuhl und starrt dösig in die Gegend. Unbeschreiblich schön ist solch ein Erlebnis, wenn man es mit Freunden teilen kann. In einer solchen Situation, ich war nämlich gerade vollauf mit dem „dösigen in die Gegend starren“ beschäftigt, wies mich mein Kumpel Böff interessiert auf drei Jungs hin, die in ein paar Metern Entfernung im Sand spielten. Die Meute war gerade dabei, eine Sandburg zu bauen. Gut, Böff ist nicht der richtige Name meines Kumpels, aber er ist Engländer und dort gibt man sich halt Spitznamen. Also wollen wir es bei Böff belassen. Mir waren Sandburgen bisher eigentlich immer ziemlich egal gewesen. Trotzdem guckte ich mir das Spielchen aus zusammengekniffenen Augen an. Ich hatte ja nun nichts anderes zu tun. Prinzipiell wäre es mir lieber gewesen, wenn einige vollbusige Mitzwanzigerinnen (Jau! die Redaktion) diese Arbeit anstelle der drei Burschen dort verrichtet hätten. Aber wer weiß, ob die Konsequenzen für mich dann die Gleichen gewesen wären.
Nach ein paar Minuten begann Böff plötzlich versonnen davon zu schwärmen, wie er und seine Brüder damals an den Stränden von Brighton und Portkerris Sandburgen gebaut hatten. „Wir waren den ganzen Tag beschäftigt“, erklärte er. „Das Schwierigste war immer die Drainage...“ Ein Blick in sein Gesicht verriet mir, dass gleich der entsprechende Vorschlag kommen würde. „Was meinst du, Böli? Ob wir schon zu alt sind...?“ Mein Name ist nicht wirklich Böli. Es ist vielmehr so, dass Böff ja schließlich Engländer ist und dort eben alle einen Spitznamen haben. Wie auch immer, er nannte mich deswegen Böli. „Ich weiß auch nicht!“ wich ich zögernd aus. „Die drei dort jedenfalls haben richtig Spaß, wie es aussieht.“ Man hörte ihr Lachen und ihre Rufe der Begeisterung locker in einem Umkreis von 20 Metern und dieses sollte was heißen, denn sie standen in harter Konkurrenz mit der tosenden Meeresbrandung.
Natürlich endete der Tag damit, dass zwei Enddreißiger mit den Händen eine kleine Sandburg bauten. Aber nicht ohne diesen ersten Versuch mit zwei Eisstielen glatt zu ziehen. „Morgen holen wir uns kleine Sandschaufeln. Damit geht es besser“, kündigte Böff entschlossen an. Ich sah, dass er es Ernst meinte, wie er so da saß, mit schrägem Grinsen im Gesicht und angestrahlt vom roten Licht der untergehenden Sonne.
Wir begnügten uns mit dem obligatorischem Kinder-Strand-Spielzeug-Set in einem roten Netz. Zusätzlich zu den Schaufeln gab es einen gelben Plastikeimer, zwei wie Muscheln aussehende Förmchen und eine kleine rote Harke. Wir fanden das Set in einem dieser typischen Strandzeugsgeschäfte, wo es üblicherweise allerlei Strandzeugs zu kaufen gibt. Von der aufgeblasenen Luftmatratze über Schwimmflossen und Badehauben bis zu den knappen Bikinis für knackige Schönheiten (Jetzt ist aber gut! die Redaktion). Zuerst planierten wir ein wenig Strand, dann ging die Arbeit richtig los. Es wurde eine Sandburg von einem halben Meter Höhe. Wir fassten sie ein in zwei konzentrische Kreise, damit sie länger den Wellen standhalten konnte. Ab und an wagte ich einen kurzen Seitenblick. Die anderen Strandgäste ließen sich zwar nichts anmerken, trotzdem war mir, dass sie uns wohl für ganz schön bescheuert hielten. Schließlich vergnügten wir uns mit Kinderspielen und dass auch noch mit offensichtlichem Kinderspielzeug. Böff störte das alles nicht. Er ging jeden Bauabschnitt konzentriert und planvoll an. Trotzdem war es gerade erst 14:00 Uhr als er meinte: „Böli, mit diesem Spielzeugkram hier kommen wir nicht weiter. Wir brauchen richtige Gartenschaufeln. Damit schaffen wir ein richtiges Kastell.“ Also verließen wir den Strand am frühen Nachmittag, also nicht gegen Abend, wie sonst bisher üblich. In dem Strandzeugsladen konnte man unsere neuen Wünsche nicht erfüllen. Also machten wir uns auf in die Stadt, um in einem Baumarkt – ja, richtig gelesen, auch in anderen Ländern hat die Baumaktisierung der Städte längst begonnen – zwei große, professionelle Gartenschaufeln zu organisieren. Als wir gegen 19:00 Uhr wieder am eigentlichen Urlaubsort ankamen, hielt Böff kurz an, um von der Promenade nickend auf Strand zu schauen. Er sagte nichts. Er deutete nur wissend auf die Stelle, die er sich für morgen ausgesucht hatte.
Leider ging sein Plan nicht ganz auf. Als wir am nächsten Tag den Strand betraten, war der von ihm ausgemachte Platz bereits besetzt. „Mist,“ fluchte er, „ wir sind schon zu spät!“
Oh ja, diesen Ausdruck in seinen Augen kannte ich. Es war Zeit für eine Vorneverteidigungsstrategie. Wie hieß es doch gleich? „Währet den Anfängen!“
„Vergiss es! Denke gar nicht daran! Wir sind hier im Urlaub. Auf keinen Fall werden ich vor 9:00 Uhr meinen Hintern aus dem Bett quälen.“ Böff sah mich skeptisch an, zog eine Augenbraue hoch, gab sich aber geschlagen. Er kannte halt meine Grenzen.
„Ok“, fing er an, “dann werden wir heute Abend etwas Anderes versuchen. Aber erst einmal machen wir uns nun ans Werk.“
Die Schaufeln funktionierten zwar ganz gut, aber wir hatten mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen. Der jetzt von uns ausgewählten Stelle fehlte es etwas an Sand. Also mussten wir uns das Baumaterial aus der weiteren Umgebung mühsam heranschaffen. Dazu kam noch, dass unser Standort zu weit vom Wasser entfernt war. Der Sand war einfach zu trocken. Um wirklich sandburgenkompatiblen Pappsand mit der richtigen Humidität zu bekommen, mussten wir mindestens 40 cm tief graben. Bald stand uns trotz der semiprofessionellen Ausrüstung der Schweiß auf der Stirn. Immerhin schafften wir es, eine einigermaßen ansprechende Sandburg zu konstruieren. Sie war noch lange nicht das, was Böff sich vorgestellt hatte. Er faselte von „fehlender Effizienz“ und „unterdurchschnittlicher Produktivität.“ Bald war auch dieser Tag am Strand zu Ende, aber nicht bevor wir nach einem erfolgreichenden Baumarktfischzug am späten Abend zu ihm zurückkehrten. Böff war sich sicher, dass sein neuer Plan erfolgreich sein würde.
Er war es. Die anderen Badegäste warfen uns fragende Blicke zu, als wir den am Abend vorher abgesteckten Claim an bester Sandburgenposition betraten. Die rot weißen Markierungsbänder, mit denen wir die Eisenstangen verbunden hatten, verfehlten ihre Wirkung wirklich nicht. Alle Andere scheuten unwillkürlich davor zurück, auch nur ihre Fußspitzen in das ungefähr 20 Quadratmeter große Rechteck zu setzten. Diese Art von Absperrungen war allen eben aus dem Straßenbau bekannt, oder aus schlechten Krimis. Nun, ich muss zugeben, dass die Blicke der meisten umliegenden Strandgäste zunehmend ärgerlicher wurden, als sie merkten, was wir da eigentlich machten. Es ging eben nicht um eine allgemein nützige Verrichtung, wie beispielsweise den Bau neuer Duschanlagen. Es ging bloß um eine Sandburg, die zwei Irre dort in der brütenden Sonne buchstäblich in den Sand setzen wollten. And diesem Tag bewegten wir einiges an Kubikmetern Sand. Es gelang uns eine gute Burg. Sie war groß. Sie war planiert. Sie strahlte so etwas wie Macht und Erhabenheit aus. Allerdings bekamen wir die Drainage nicht ganz in den Griff. Die steigende Flut untergrub das Fundament mit stoischer Permanenz. Böff plante die nächste Burg mit einigen Verbesserungen. Aber die musste bis zum übernächsten Tag warten. Einige Anarchisten hatten unsere Absperrung tatsächlich ignoriert. Da saßen sie nun, zufrieden und mit breitem höhnischen Grinsen in ihren Gesichtern. Böff schäumte vor Wut. Aber er wäre nicht der Böffster gewesen, wenn sich in seinem besessenen Gehirn nicht schon der nächste Schachzug aus dem Dunst seiner überschäumenden Phantasie herausgebildet hätte. Am nächsten Tag war es an uns, eine höhnisches und vielleicht auch etwas arrogantes Lächeln zur Schau zu tragen. Der Bauzaun aus Metall fraß zwar gehörige Löcher in unser Budget, aber er hielt die Strandbesucher draußen. Auch die neue Schubkarre und die Drainagerohre wirkten Wunder. Aber, Böff war immer noch nicht zufrieden.
„Mit der Drainage hat es diesmal besser geklappt. Aber die Burg ist nicht groß genug. Wir müssen mehr Sand bewegen. Ich will ein Kastell. Ich will eine Zitadelle.“ Ich zuckte resignierend mit den Schultern. Alle meine Versuche den Kumpel wieder einzufangen waren fehlgeschlagen. Wir hatten nur noch einen Tag, bevor wir die Rückreise antreten mussten. Ich hätte gerne gefaulenzt, aber der Böffster wolle es wissen. „Morgen tragen wir uns in die Bücher der Sandburgengeschichte ein. Alle Sandburgenbauer werden ehrfurchtsvoll unsere Namen flüstern, von der Costa Brava bis zu den Stränden Brasiliens.“
Mittlerweile hatte wir einen Geräteverleiher aufgetan. Dort borgten wir uns die für die Verwirklichung des Plans erforderliche Ausrüstung. Damit auch nicht dazwischenkam, ging Böff in jener Nacht zu jeder vollen Stunde an den Strand. Er war fest dazu entschlossen, keine Störung hin zu nehmen.
Die klare Morgenluft erbebte, als ich den schweren Motor des Kleinbaggers anließ. Mit kindlicher Freude ließ ich die Schaufel auf- und abfahren. Der Geräteverleiher hatte darauf bestanden, dass wir uns auch Overalls und Helme mitnahmen. Die hiesigen Vorschriften ließen es nicht anders zu. Das hatte er jedenfalls behauptet.
So ging es also los. Ich knatterte mit dem Bagger zur Baustelle. Böff wies mich mit Handsignalen ein. Wir schafften zunächst Sand heran. Kubikmeterweise. Stören ließen wir uns nicht. Warum auch? Mit zunehmender Sonne begann sich der Helm als wirkliche Bürde zu erweisen. Aber Vorschrift ist nun mal Vorschrift. Als nächstes hoben wir drei tiefe Kreise als Drainage aus. Wir wollten eine Zitadelle und wir bauten sie. Konzentriert und professionell gingen wir ans Werk. Jeder Bauabschnitt war eine Herausforderung. Aber wir meisterten sie alle. Wir waren die Sandburgenbaukönige. Wir waren unangreifbar. Die Burg nahm immer größere Dimensionen an. Wir hatten das Gefühl, alle und alles besiegt zu haben. Den Sand, das Meer und die andere Strandgäste. Ich war gerade dabei, die Zinnen zu formen, als wir schließlich verhaftet wurden. Ironischer Weise erhaschte ich noch einen Blick auf drei Jungs, als ich über den Strand hinweg abgeführt wurde. Sie bauten eine Sandburg. Sie lachten und hatten Spaß dabei. Und sie hatten im Gegensatz zu uns noch Geld genug, um sich für die Pausen leckeres Eis zu kaufen.
Noch im Polizeiwagen schwör Böff, wieder zu kommen und sich fruchtbar zu rächen, mit der größten und besten Sandburg aller Zeiten. Wie meinte er? „Wer Wind säht, wird Sturm ernten.“
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