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Das Kölner Chainsaw massacre
Entnervt sah Ben zu den Leuchtsignalen auf, die über der Autobahn hingen. Meist verkündeten sie Unheil. So war es auch diesmal. Ein Dreieck leuchtete in grellem Rot. In ihm prophezeiten drei hintereinander gestaffelte Autos das Schlimmste, was ihm auf dem Heimweg passieren konnte. Stau! Wie immer im November war die Strecke überfüllt. Und alle fuhren wie die Geisteskranken. Er spürte die Aggressivität der anderen Verkehrssteilnehmer förmlich, Sie lag wie ein schwerer Nebel über der Straße. Er fühlte sie aber auch in seinem Bauch brodeln. Schnell versuchte er auf die linke Spur zu kommen, denn bekanntlich war sie trotz Stau immer noch die etwas Schnellere. Wegen der verdammten LKW! Ben setzte den Blinker, warf einen kurzen Blick in den Spiegel und setzte zum Spurwechsel an. Ein warnendes Hupen neben seinem linken Ohr lies ihn jedoch zurückschrecken. Im toten Winkel schlich ein Audi herum, der sich nicht getraut hatte, einen vernünftigen, verkehrsfördernden Abstand zu dem weißen Mercedes Sprinter einzuhalten. Jetzt ließ dieser Schwachkopf auch noch seine Fernlichter aufblitzen. Als der Audi sich endlich bequemte an Ben vorbeizuziehen, fuchtelte der Fahrer zu allem Überfluss beleidigend mit den Händen herum. Ben versuchte es zu ignoriere, allerdings befahl ihm sein limbisches System dem Audi die geballte Faust zu zeigen. Keine Sekunde zur Entspannung, schimpfte er in Gedanken. Im Rückspiegel brachen zwei von diesen modernen, kalt – bläulichen Scheinwerfern durch die Dämmerung. Rasch wurden sie größer und größer, weil der Tölpel hinter ihm augenscheinlich seine Bremsen testen wollte. Und das einen Meter hinter der Stoßstange von Bens Auto. Ben kniff geblendet die Augen zusammen und wendete den Blick ab, um sofort wieder aufzuschrecken, als ein weiterer Reiz seine Netzhaut erreichte. Grelle Bremslichter erschienen direkt vor ihm. „Wieder dieser besickte Audi!“, schimpfte Ben und trat in die Eisen. Diese Aktion quittierte der Blender hinter ihm mit hysterischem Hupen. „Gerade noch einmal Gut gegangen!“ Ben atmete seufzend aus, was seinen Adrenalinspiegel nicht wirklich zum Sinken brachte. Insbesondere die beginnende Radiowerbung stimulierte Bens Nebennieren noch mehr. Schrill schnitten die Stimme der Werbeträger mit ihrer überzogenen Intonation in Bens Ohren. Während des Berichts über die Machenschaften um die Kölner Müllverbrennungsanlage hatte er das Radio lauter gestellt. Ihn interessierte schon, welcher von diesen hochnäsigen Kommunalheinis als nächstes in den Knast wandern würde. Er hatte allerdings nicht daran gedacht das Radio danach wieder leiser zu stellen. Werbung wurde immer lauter gesendet als die Berichte. „Verdammt!“, zischte er und fingerte an den viel zu kleinen Bedienelemente des Gerätes herum, bis er endlich den richtigen Knopf gefunden hatte.
Plötzlich ertönte der Säbeltanz, gänzlich unmelodisch und mindestes zwei Oktaven zu hoch. Sein Handy! Seine Frau hatte darauf bestanden einen Klingelton einzustellen, der sein Handy unverwechselbar machte. Er nahm es vom Beifahrersitz druckte angespannt die Taste und hielt es ans Ohr.
„Hallo“, sagte er und lauschte angestrengt, wobei er die Augenbrauen zusammen kniff. Seine Frau Jenny war am anderen Ende.“
„Bitte?“, reif er fragend und versuchte die „wichtige“ Nachricht mitzubekommen, die seine Frau übermitteln wollte. Bens Muskeln begannen bereits zu schmerzen, weil es dieses kleine Dinge verlangten, den Arm unnatürlich hoch zu halten, um es gegen das Ohr zu pressen. Seine Bemühungen die Frau zu verstehen, wurden von dem LKW zunichte gemacht, der unmittelbar rechts neben ihm in einem viel zu hohen Gang beschleunigte.
„Was, was?“ brüllte er jetzt. „Bei Real vorbei?“ „Wieviel?“ „Zehn Brötchen?“ „Zehn!“
Befehl empfangen, Leitung tot. Ben presste die Kiefer aufeinander. Mann, ich will heute auch noch mal nach Hause. Bei Real vorbei! Das kostet mich mindestens 20 Minuten, dachte er. Außerdem würde er bei Bocklemünd die A1 verlassen müssen. Das bedeutete wieder einen Spurwechsel. Aber es half ja nichts. Er war um einige graue Haare reicher, als er sich endlich eingefädelt hatte. Selbstverständlich zwischen zwei LKW. Gott sei dank war da schon das „noch 200 Meter Schild“. Allerdings ging es mittlerweile nur noch im Schritttempo vorwärts. Und das Schritttempo auf der A1 bedeutete Schritttempo, nicht 20 oder 30 km/h, wie anderswo in der Autorepublik. Andere Autofahrer wollte auch in Böcklemund raus, wie er aufgebracht feststellte. Er würde nämlich rechts überholt. Einer nach dem anderen zog neben ihm auf dem Standstreifen vorbei. Diesmal würde er hart bleiben, hart aber gesetzestreu. Er atmete kaum noch bis zur Ausfahrt. Dann setzte er den Blinker, schloss die Augen und lenkte rüber. Hupen, Quitschen, aber kein Scheppern. Er war auf der Ausfahrtspur und stand sofort, keine 30 Meter weiter, in der Schlange vor der Ampel. Pro Grünphase kamen drei oder vier Autos durch, aber nur wenn der vierte jeweils Punkte in Flensburg riskierte. Ben guckte zur Uhr. 17:10 Uhr. In ihm brodelte es. Es war dieses kreatürliche Brodeln, das einen befällt, wenn man einer schlimmen Situation machtlos ausgeliefert ist. Und es verstärkte sich noch, als er endlich auf den Realparkplatz fuhr. Alles besetzt! Suchend drehte er den Kopf nach rechts und links. Der abrupte, ziehende Schmerz im Nacken ließ den Kopf zurück zucken. Einen Augenblick sah er wirklich nur noch Sterne. Dieser verdammte Parkplatz war übervoll, wie Ben feststellte, während er sich den Hals massierte. Überall stranden Autos in den Wegen und warteten, dass endlich jemand wegfuhr. Er taste sich mit dem Wagen weiter vor. Die Scheinwerfern der entgegenkommenden Fahrzeuge machten die Suche nicht gerade einfacher. Da endlich schien ihm das Glück doch noch Hold zu sein. Eine Parklücke, eine winzige allerdings. Nach dreimaligen vor- und zurücksetzen, erneutem Maßnehmen und hastigem Scheibenwischen, weil die Windschutzscheibe von innen beschlug, stand er endlich zum Parken bereit. Allerdings war die Lücke so eng, dass er nur mit Mühe und viel Vorsicht aussteigen konnte. Auf der Beifahrerseite. Aus der Fahrerseite hatte sich dieses Unterfangen als aussichtslos erwiesen. Aber besser konnte er nun mal nicht fahren - und parken.
Mit seiner Jacke wischte er den Schmutz von der Tür des Golfs neben ihm. Ben bemerkte es fluchend und rieb wie besessen an den Flecken herum. Mit dem Ergebnis, dass sich der feuchte Dreck gropßflächig auf seiner Jacke verteilte. Er fluchte immer noch als er den Laden betrat. Die Schlagen vor dem Bäckerstand verschlimmerte ließ seine Wut weiter anwachsen. „Typisch!“ „Rentner!“ Die haben doch den ganzen Tag Zeit, müssen aber einkaufen, wenn Berufstätige eben mal auf dem Heimweg noch etwas besorgen wollen. Es ging und ging nicht vorwärts. Die erste Kundin wusste scheinbar nicht mehr so genau, warum sie eigentlich gekommen war. Der Nächste machte einen Einkauf für eine Großsippe. Dann wollte so eine Fregatte ihre Puddingschnecke mit 500 Euro bezahlen, was alle in dem Laden beschäftigte, vorm Pförtner, über die Kassenaufsicht bis zum Filialleiter. Die mit der Latzhose näselte irgend etwas von Dinkelmehl und verwickelte die Fachverkäuferin in eine 10 Minuten-Diskussion, bis sie kopfschüttelnd und mit leeren Händen abzog. Endlich war Ben an der Reihe.
„10 Brötchen, will ich!“, forderte er ungehalten.
„Sind nur noch fünf da.“, flötete die Verkäuferin lakonisch. Aber in etwa 20 Minuten haben wir neue am Start.“ Ben spürte seinen Kopf heiß werden.
„Ich nehme die fünf“, zischte er gepresst, “und ein Brot“
„Ein Graubrot ein Landbrot oder ein Mehrkornbrot?“, lächelte die Dame hinter der Theke und legte die Brötchentüte auf die Theke. Die dicke Schatulle wollte ihn scheinbar reizen.
„Graubrot!“, bestellte Ben einsilbig.
„Geschnitten oder ungeschitten?“
„UNGESCHITTEN!“
„In Papier oder Folie?“
Jetzt wurde es endgültig zu bunt für Ben.
„GEBEN SIE ES MIR GANZ EINFACH, OK?“, brüllte er.
Mit säuerlich verzogenem Gesicht gehorchte die Bedienung, kassierte und würdigte Ben keines Blickes mehr. Er stiefelte unbeherrscht zum Auto, öffnete die Fahrertür und warf die Backwaren auf den Beifahrersitz. Erst als er schon saß, wurde ihm klar, dass er auf der richtigen Seite eingestiegen war. Das schüchterne Lächeln um seinen Mund verschwand allerdings sofort wieder, als er die Art bemerkte, mit der sich sein freundlicher Nachbar für seine Parkkünste bedankt hatte. Der Rückspiegel war abgebrochen. Und natürlich hatte sich Ben nicht das Nummernschild gemerkt; noch nicht einmal die Marke oder die Farbe des anderen Wagens Vor Bens Augen wechselten sich sämtliche Farben des Spektrums am. Es wurde eine Horrorfahrt. Nur mit allerletzter Beherrschung lenkte er das Auto durch die Stadt. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er endlich Daheim ankam. Er keuchte und schwitze. Auf 180 war er immer noch. Und auf 190 kam er, als er feststellen musste, dass irgend so ein Idiot seinen Stammplatz blockierte. Trotzig stellte er seinen Wagen so ab, dass dieser Verrückte erheblich Schwierigkeiten beim losfahren haben würde. Er ging schnaubend auf sein Haus zu. Jenny stand schon in der Tür. „Du kommst spät“, meckerte sie, „Die Kinder haben Hunger und du musst Sven gleich zum Sport fahren!“
„Du kannst mich mal!“, brüllte er, „Und die Kinder können mich auch mal!“
„Reg dich doch nicht so künstlich auf!“, stichelte Jenny.
„Wer regt sich hier denn auf?“ Dann hielt er inne. Es war, als hätte jemand einen Schalter in seinem Innersten umgelegt. Gefährlich ruhig trat er auf Jenny zu. „Aufregung willst du, ja?“ fragte er. „Gut, dann zeig ich dir mal, was Aufregung ist.“
Perplex starrte sie ihn an. „Ben?“ quitschte sie leise?
Ben hatte seinen Mantel ausgezogen und zu Boden geworfen. Er pfefferte die Backwaren hinter her und auch seine Tasche. Dann riss er die Kellertür auf und rannte die Treppe hinab. Ohne auf Jenny zu achten, oder auf die Kinder, die sich jetzt sicher verstört sie pressen würden. Sein Gesicht war zu einer irren Fratze verzogen, als er auf die Werkzeugbank zuging. Mit einem Knurren nahm er die erste seiner beiden Kettensägen. Er wog sie in den Armen und genoss das Gewicht, das solide Gewicht dieser stählernen Verkörperung seines Rachedurstes.
Plötzlich ließ er sie zu Boden fallen. Seine vor Wahnsinn schielender Blick haftete sich verlangend auf die zweite Kettensäge. Sie hing an der Wand und verströmte den Geruch geölten Metalls. Männlich, wild und unbeherrscht.
Jetzt war es also soweit. Sie würden schon merken was geschah, wenn seine Ventile brachen, wenn seine Sicherungen durchknallten. Er würde es allen zeigen. Jenny, den Kindern, der Schwiegermutter, dem Arsch im Audi und der Fregatte in der Bäckerei. Seine Fäuste ballten sich, bis die Knöchel weiß wurden.
Mit einem Griff hatte Ben plötzlich den Vorschlaghammer in der Hand. Der beschrieb einen weiten Bogen und fegte die Kettensäge von der Wand. Sie landete mit dem stumpfen Geräusch von robuster Maschine auf hartem Stein. Ben hob den Hammer über den Kopf und legte alle Kraft und alle Wut in die nächsten Schläge. Er zertrümmerte die Ketten der beiden Sägen. Dann zerfetzt er die Motorengehäuse. Immer weiter versteigerte er sich in die Raserei. Immer wilder und unbeherrschter hieb er auf die Sägen ein. Er brüllte und fluchte dabei. Ben hörte erst auf, als die Kettensägen nicht mehr als solche zu erkennen waren. Da lagen sie nun, zerbröselt und siechend in ihrem eigenen Motoröl. Erschöpft ließ Ben den Vorschlaghammer fallen. Sein Blick wurde stumpf als er sich umwandte und langsam die Treppe hoch stieg.
Jenny sah ihn mit großen Augen an. Sie brauchte die Frage nicht auszusprechen. Die Frage nach dem, was sich da gerade im Keller zugetragen hatte. Er blickte sie an, machte sich klar, dass es seine Jenny war, dort vor ihm, und umfasste ihre beiden Hände. Sie fühlten sich war an, warm und vertraut.
„Mann, so ein Kettensägenmassaker hilft einem wirklich, die Spannungen loszuwerden und sich Luft zu machen.“, sagte er matt.
„Kann ich bitte einen Kaffee haben?“
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