GÄSTEBUCH

Es ist in Ordnung, wenn ihr eure wahren Namen verschweigt, denn wer will schon mit diesem Mist hier in Verbindung gebracht werden?    ( 

Counter

000001

Herzlichen Glückwunsch, Sie sind der erste Besucher dieser Seite!

 

Grimdoks Reise

Grimdok spürte noch in der steinernen Starre, daß wieder eine Ruhensperiode vorbei war. Verhaltene Freude auf das Kommende stieg in ihm empor. Es gab noch soviel zu erleben, zu lernen, zu sehen und zu vollbringen.

Noch benommen hob er beide Lider und spürte das kalte, salzige Wasser auf den Augäpfeln.

Das Wasser war viel trüber als er es in Erinnerung gehabt hatte. Aber was machte das schon? Grimdok mußte sowieso bald an die Oberfläche und seinen Lungen erlauben, sich mit der klaren, reinen Luft der schroffen Buchtengegend zu füllen. Was würde er nicht alles tun? Soviel hatte er sich vorgenommen. Er würde die gigantischen Gebirgszüge besuchen, fernab der hiesigen Landen, weit weg gelegen in der Richtung, in der die Sonne jeden Morgen langsam in den Himmle steigt. Er wollte den dampfenden, feuchten Wald sehen, von dem Prigor, sein verstorbener Freund aus längst vergangener Zeit, immer geschwärmt hatte. Der dampfende Wald, dort, wo kein Wesen mehr einen Schatten wirft, sobald die Sonne den höchsten Punkt ihres Weges erklommen hatte. Dann mußte er dem gewaltigen Tal seine Aufwartung machen, drüben hinter dem kalten Meer, auf der anderen Seite der Welt, fast dort, wo sie Sonne abends im Meer versinkt.

Er zog die noch etwas tauben Beine an und richtete sich auf. Bevor er mit dem Kopf die Wasseroberfläche durchstieß verzog er das Gesicht aus Ekel über den faden, öligen Geschmack des Wassers. Dann war es soweit. Der steife Wind kam wie meisten aus Westen und umspielte Grimdoks Gesicht. Er warf den Kopf in den Nacken und schüttelte die langen, klatschnassen Haare nach hinten. Dann erhob er sich ganz. Ja, an dieser Stelle war das Meer nicht tief. Es reichte ihm gerade bis zu den Hüften. Grimdok breitete übermütig die Arme aus und kreiste mit den Schulterblättern. Er freute sich, wieder da zu sein. Und dieser Freude machte er Luft. Nur dort in der Ferne, wo die nordischen Berge als kleine, zahnige Reihe unscheinbar am Horizont weilten, brach sich sein lebensfrohes Lachen. Mit einer geschmeidigen und kraftvollen Bewegung warf er den Kopf in die Richtung, wo sein erstes Ziel lag. Dort, wo seit Äonen jeder hinzugehen hatte, der wieder erwacht ist. Fünf Tagesreisen entfernt, wo man der Heiligen dankt und der Schöpfung Respekt zollt. Erst dann, nach dieser ehrfurchtsvollen Pflicht, erst dann darf die Welt entdeckt werden. Beim Gedanken an sein Ziel stellten sich alle Häarchen an seinem Körper auf und er sengte voller Hochachtung den Kopf. Es erschütterte den Himmel, als er seine Lebenskraft hinaus brüllte. Vorsichtig taste er von außen die Brusttasche der Jacke ab und lächelte zufrieden, als er die vertrauten Formen des Behälters fühlte. Er brauchte nicht nachzusehen. Dessen Anwesenheit war Beweis genug. Seine Referenz war noch da. Dann machte er sich auf dem Weg. Mit kräftigen Schritten durchpflügte er das Wasser, die bergige Küste zu seiner Linken und die untergehende Sonne zu seiner Rechten. Während der ersten Kilometer fiel noch das Wasser von seinen Haaren und seiner stumpfen, grauen Kleidung wie der Herbstregen aus dem Himmel, doch schon bald tat der Wind sein Werk und trocknete den Oberkörper Grimdoks.

Ole Bergussen hieb mit der Faust auf den künstlichen Horizont. Und prompt nahm das hochkomplizierte Gerät wieder die Arbeit auf. Genervtes Kopfschütteln Ole quittierte diesen Vorgang. Da stecken sie Millionen von Kronen in diese Tornados, aber die weigerten sich einfach, richtig zu funktionieren. Unter ihm peitschte der Wind den Skagerrak und drückte die unendlichen Wasser der Nordsee in die Norwegische Rinne.

1.5 Mach las er vom Tacho ab. Gerade die richtige Geschwindigkeit für einen weiten Rechtsschwenk. Der Andruck preßte Ole in den Pilotensitz und lag mit solcher Vehemenz auf seine Brust, daß ihm das atmen schwer viel. Trotzdem grinste er. Jetzt den Steuerknüppel leicht auf sich zuziehen und die Nase des Jagdbombers in die Höhe bringen.Er spürte die Vibrationen des Triebwerks. Sie hatten auf ihn eine beruhigende Wirkung. Ebenso wie die Vibrationen des schnurrenden Katers Hägar auf dessen Frau. Plötzlich blinke ein rotes Warnlicht in seinem Gesichtsfeld auf. Das Radar zeichnete. Diese Entdeckung reichte normalerweise nicht mal dazu aus, seinen Nebennieren auch nur  einige wenigen Molekülen Adrenalin abzuringen. Aber irgendwas war diesmal anders.

„Achtung Trondheim. Hier Patrouillenflug SDK 104. Ich habe Radarkontakt.“

„Was regen Sie sich so auf?“ schnarrte die Stimme, von Interferenzen verunstaltet, aus seinem Kopfhörer. "Bestimmt nur irgend so ein Trawler, wie üblich.“

„Mit Aufbauten 200 Meter über normal Null?“ schrie Ole zurück

„Einen Moment, jetzt hab ich Sichtkontakt.“

Ole griff nach dem Fernglas und zoomte auf dreißigfache Vergrößerung.

Er war nicht ganz einfach das Ziel zu fixieren. Zu viele Erschütterungen kamen durch und verwackelten das Bild. Aber das konnte doch nicht sein.

„Mein Gott!“ stammelte er.

„Was ist los SDK 104. Machen Sie gefälligst eine vernünftige Meldung.“

Ole wußte, daß sich wohl inzwischen ein Major oder gar ein Oberst in die Kommunikation eingeschaltet hatte. Vernünftige Meldung. Ha. Ja, es gab Codes für Flottenträger und U-Boote, sogar für UFO`s und die seltenen Wasserhosen hatten sie Synonyme vereinbart. Aber für das hier?

„Beim Thor! Ihr werdet mich sicher für verrückt erklären. Aber da latscht ein riesiger Kerl durch das Meer.“

„Was? Was? Wiederholen Sie!“ Die Stimme überschlug sich. Ole hingegen wurde immer ruhiger.

„Und jetzt droht er mir sogar mit der geschlossenen Faust.“

Grimdok erreichte bald den schmalen Landstreifen, den er zu überqueren hatte. Und er war froh, fürs erste aus dem Meer heraus zu sein. Es verströmte einen üblen Geruch. Nach Öl, nach Schwefel und nach Rost. Dazu kamen noch die vielen Boote, die zwar alle scheinbar brannten, sich aber trotzdem ohne Ruderer fortbewegten. Er hatte sie ignoriert. Und dann waren da noch die großen Vögel. Zuerst hatte er gedacht, die Saurier hätten die Erde zwischenzeitlich zurückerobert. Aber die großen Flugsaurier damals, das waren geschickte und vor allem lautlose Jäger gewesen. Im Gegensatz zu den großen Vögeln, die mittlerweile durch die Lüfte stoben. Sie verursachten einen ohrenbetäubenden Lärm. Sie schoben ein permanentes Gewitter vor sich her. Wo war er hier nur gestrandet? Dem ersten dieser Vögel hatte er noch freundlich zugewinkt. Grimdok trottete an Land und streckte seine Beine aus. Auf der einen Seite war er glücklich den trotzigen Widerstand der Wassermassen für das erste hinter sich gelassen zu haben. Auf der anderen Seite vermißte er schon jetzt den Auftrieb, den das salzige Wasser seinem massigen Körper geschenkt hatte. Allerdings kam er an Land schneller voran. Er guckte sich kurz um. Seine aschgrauen Haare flogen dabei um seinen Kopf. Er brauchte seinen Kurs gar nicht mehr großartig zu überprüfen. Er kontrollierte kurz den Lauf der Sonne und machte sich auf. Auf zu seinem geheimnisvollen Ziel, das ihm so wichtig und so wertvoll war.

 Das was ihn und seinesgleichen immer ausgezeichnet hatte, war die sprichwörtlich riesenhafte Ausdauer. Er brauchte tagelang kein Schlaf. Er würde die Reise ohne großartige Pausen bewältigen können. Wäre da nicht sein Hunger gewesen. Die langen Jahrtausende des Schlafens hatten fürchterlich an seinen Reserven gezehrt. Dazu kamen noch die neugierigen Kleinen, die ihn auf seinem Weg begleiteten. Sie fuhren in rauchenden Wagen ohne Pferde. Sie traten in Massen auf. Sie beschossen ihn mit Blitzen, die ihn zwar nicht verletzten, dafür aber blendeten. Sie waren so lästig. Sie hatten es sogar geschafft, sich in die Lüfte zu erheben.

Als ihn eines der Vogelgerät vorsichtig umkreiste, wollte er es zuerst nicht wahrhaben.

Er erkannte darin zwei Kleine. Sie lenkten ihr Vogelgerät so, daß es ihn wie eine lästige Hornisse plagte. Also versuchte er, den Störenfried weg zu wedeln. Zwar hatte er Erfolg, aber erst, nachdem ihn die Hornisse mit ganz vielen Metallkügelchen beworfen hatte.

Das war nicht mehr seine Gegend hier. Er wollte nur noch zu seinem Ziel, seine Ehrerbietung darbringen und dann irgendwo hin gehen, wo ihm die lästigen Kleinen in Ruhe lassen würden. Hatten sie denn keinen Respekt mehr vor Riesen? Hatten sie die heiligen Verträge vergessen? Sie führten sich auf, als gehöre die Welt ihnen, dachte er. Ein wohlbekannter Duft stieg in seine gequälte Nase. Erst durch ihn bemerkte er, wie schlecht die Luft doch Roch. Faulig, verbraucht und übel. Aber das verführerische Bouquet eines Tannenwaldes, das erkannten Grimdok auch noch unter den widrigsten Umständen. Erschüttert guckte er sich um. Was war bloß mit dem Land geschehen. Über all lagen flache Steine herum. Eine unnatürliche Ordnung zog sich durch das gesamte Gebiet. Er beschloß schnell etwas zu essen, um diesen narbenübersähten Boden so schnell wie möglich verlassen zu können. Endlich erreichte er den Waldrand. Seine Muskeln schmerzten und seine Ohren taten weh. Weh vor Schmerzen, die durch den permanenten Lärm um ihn herum verursacht wurden. Hornissen, Wagen, Blitze. Jetzt kamen sie sogar mit Raupen aus Eisen, die mit jeweils einem langen Fühler auf ihn zeigte.

Er war erschöpft. Grimdok ließ sich auf die Knie fallen und griff traurig nach der ersten Tanne.

„Was zur Hölle macht er da?“ fragte Frank Rohland. Verständnislos schüttelte er den Kopf und fuhr mit der rechten Hand über seinen fast kahlen Schädel. Als er bemerkte das der Kameramann ihm voll im Objektiv hatte, platze er wütend aus sich heraus:

„Verdammt Rainer. Was soll das?“

„Was hast du denn nun schon wieder?“ wollte Rainer Kaugummi  kauend wissen.

„Rainer, das da draußen ist die größte Sensation seit dem Tod von Lady Di. Ich will, daß du die Kamera ununterbrochen auf diesen Typ da gerichtest hast. Ist das klar?“ Rohlands kleine, dunkle Augen funkelten seinen Kollegen an.

Der versuchte eine kurze Verteidigung:

„Was soll daran schon interessant sein? Ein Riesenbaby sitzt im Dreck und stopft sich mit Weihnachtsbäumen voll. Können wir nicht mal über einen richtigen Reißer berichten? Wie der Oskar Verleihung zum Beispiel.“

Mit einem Sprung war Frank Rohland bei ihm und zerrte an seinem Revers.

„Bist du so taub? Oder was ist sonst los mit dir?  Mit dieser Reportage werden wir berühmter als die CNN - Teams damals im Golfkrieg.“ Spontan schubste er Rainer ein wenig zurück. Der ließ zerknirscht die Kamera sinken und murmelte so etwas wie: “Mach das ja nicht noch einmal.“

Aber Frank hörte ihn schon nicht mehr. Er hatte sich wieder umgedreht und begaffte den Riesen.

„Die Amis sind schon ganz neidisch, das der Penner da nicht in der Hudsonbay aufgetaucht ist. Los, los, er scheint fertig mit seinem Festmahl.“

Rainer hob die Kamera und fing den Riesen ein. Frank Rohland sprach den Live Kommentar:

„Meine Damen und Herren. Wie groß waren unsere Sünden, das uns Gott mit einer solchen Strafe belegt? Der Riese geht weiter. Wenn die Prognosen der Wissenschaftler richtig sind, erreicht er noch heute Nacht Deutschland. Aller Voraussicht nach wird er in der Nähe von Roststock die Ostsee verlassen. Wer ist es? Was hat er vor? Für Sie, vor Ort, Frank Rohland.“                           

 Mit solcher Art Komplikationen hatte der Riese Grimdok nicht gerechnet. Um ihn herum und schon seit jetzt drei Tagen veranstalten die Kleinen ein riesen Durcheinander. Fluggeräte, Wagen in unterschiedlichsten Farben, wobei das Grün aber doch dominierte, gefährlich wirkende Raupen auf Ketten, Blitzlichtgewitter und ins unermeßlich verstärkte Stimmen begleiteten ihn in Richtung Südosten.

Er wußte nicht, was das alles sollte. Wurde seiner Rasse in den heiligen Verträgen nicht zugesichert, daß sie sich ungehindert überall hin bewegen konnte? Schrieb man damals nicht eine strenge Nichteinmischungsregelung fest? Er dachte darüber nach, während er aus den Augenwinkeln zu seiner Rechten die gewaltigen schneebedeckten Gipfel des Grenzgebirges zum Stiefelland den Horizont schmückten. Nein, die heiligen Verträge waren inzwischen wohl Makulatur. Vielleicht war es besser, wenn er ein wenig an Geschwindigkeit zulegte. In der Gewißheit, zu seiner Linken, an der Stelle wo sich Himmel und Erde berühren, die schroffen Bergspitzen der Verwerfung zu sehen, die bis zum Dunkelmeer reicht, drehte er den Kopf. Wenigstens hatte sich das nicht verändert.

Dann richtete er die klaren, grauen Augen wieder auf sein Ziel, daß irgendwo dort vor Handland lag. Dort mußte er hin. Das gebot die Ehre.  

Vier – Sterne General Richardsen verzog angewidert das Gesicht, als er an der Kaffeetasse nippte. Wieder zuwenig Aspartam. Genervt verdrehte er die Augen und verfluchte innerlich den Ordonnanz Leutnant. Wie oft hatte er ihm schon gesagt:

„Drei Pillen! Herrgott ist das so schwer? Nicht zwei, aber auch nicht vier. Drei Pillen! DREI!“ 

Gewöhnlich überschüttete ihn dann Leutnant Bender mit unzähligen „Jawohl, Sir“ `s und „Entschuldigung, Sir“ `s. Er bekam von Bender sowieso mehr Sir`s am Tag zu hören, als hier im NATO-HQ von dieser Sorte rumlungerten.  Aber er war ja selber schuld. Nur weil er seinem alten Kumpel Carl Phillips aus Dreehern Montana einen guten Posten für seinen Versagerneffen bei der Armee versprochen hatte. Manchmal wünschte sich Richardsen, es wäre ein anderer als Phillips gewesen, der ihn damals in Chu-Lei, während der Ted –Offensive aus dem Panzer gezogen hätte. Irgendwie sauer auf sich selbst zuckte Richardsen mit den Schultern und griff nach dem Süßstoff. Er hielt das Röhrchen ungefähr 30 Zentimeter über die Tasse und versuchte aus dem Fall der Pille und ihrem Aufklatschen in der schwarz - braunen Brühe wenigstens etwas Genugtuung über seine immer noch vorhandene Zielsicherheit zu schöpfen. Viel mehr Erfolgserlebnisse würde er heute höchst wahrscheinlich nicht mehr haben. Aber schon unterbrach dieser penetrante Oberst, der sich vorn an der Leinwand wichtig tat, seine Melancholie:

„Sir? General Richardsen? Ich bin dann gleich soweit. Sie könnten mit dem Briefing fortfahren, Sir!“

„Ja, ja!“ maulte der General. Briefing! Pah! Auf der ganzen Welt hielten die Chefs der Stäbe Briefings ab. Das war schon immer so. Aber ich, ich muß so einen Mist selbst machen. Hat Eisenhower jemals ein Briefing selbst abgehalten? Bestimmt nicht. Oder Norm Schwarzkopf? Nein, die saßen nur dabei, ignorierten das Geschwafel und träumten von tollen Bräuten. Selbst Westmoreland hatte seine Lakeien für Briefings gehabt.

Er erinnerte sich noch, wie der Präsident selbst vor zwei Tagen angerufen hatte.

„Donald!“ hatte dieser demokratische Emporkömmling süffisant angeordnet:

“Ich wünsche, daß Sie, genau Sie ganz persönlich, die Aktionen um diesen Giganten da leiten, anstatt auf dem Golfplatz die Caddys zu bestechen.“ Richardsen hatte sich gut vorstellen könne, welches Glücksgefühl diesen Plantagenbesitzer aus zweiter Hand dabei durchströmt haben mußte und wie gehässig er bestimmt dabei gegrinst hatte:

„Glauben Sie nur nicht Donald, ihr Schwager da bei den Vereinigten Stabschefs, dem Sie Ihren Posten in Europa verdanken, würde Ihnen helfen können. Den kriege ich nämlich auch noch dran.“

Europa ja, Richardsen stand auf und schlich auf die Landkarte zu, die an der Stirnwand des Raumes in ihrem Aluminiumständer hing. Europa. Hier konnte man auf bequeme Art eine steile Karriere machen. Aber erst, seit die Russen niemand mehr ernst zu nehmen brauchte. Die Einheimischen hier hatten ein paar gute Divisionen, die nach seiner Pfeife zu tanzen hatten. Alles war so gut gelaufen, bis dieser Lulatsch da in der Nordsee auftauchen mußte.

Und Richardsen hatte nicht die geringste Ahnung, was er nun tun solle. Ja, in einem hatte der texanische Weiberheld, den die sich drüben als Präsidenten hielten, schon recht. Er hatte ihn am Arsch.

„Alles in Ordnung, sir?“ wollte dieser arschkriecherische Oberst wissen. Richardsen musterte ihn von oben bis unten. Wer würde dieser unterbelichteten Karikatur eines Soldaten wohl ein Regiment anvertrauen? Nicht mal die Heilsarmee würde das machen.

„Ihre Krawatte hängt schief!“

Der Oberst wurde kommunistenrot und fummelte sich nervös am Kragen herum.

Richardsen lehnte sich schwer mit beiden Händen auf den Tisch, der vor der Europakarte stand und kniff kurz die Augen zusammen. Dabei fiel ihm mal wieder der unangenehme Geruch des Bohnerwachses auf, mit dem sie hier in Brüssel scheinbar literweise die Böden fluteten.

Jetzt kam es darauf an, mit vielen Worten wenig zu sagen, Entscheidungen zu vertagen und ein paar Schuldige aus zugucken, die man nachher anschwärzen konnte. Wie wenig Spaß ihm das hier doch machte.

„Meine Herren!“ begann er und versuchte seine Stimme sicher und autoritär klingen zu lassen. „Was genau ist eigentlich passiert?“

Im Stillen hoffte er, daß irgendeiner, vielleicht dieser komische Oberst zu dumm war, um zu erkennen, daß er eine rhetorische Frage gestellt hatte und die Show hier übernehmen würde. Aber von den 20 Anwesenden rührte sich keiner. Verdammtes Pack!

„In der Nordsee, vermutlich genau hier, ist ein Riese aufgetaucht.“

Richardsen tippte mit dem Finger auf einen Punkt westlich von Norwegen.

„Dieser Riese machte sich sodann auf den Weg und marschiert nun quer durch ganz Europa. Niemand weiß, wer er ist, niemand weiß, wo er herkommt und niemand weiß, was er eigentlich will.“ Es wurde Zeit für eine bedeutungsschwangere Pause.

„Leider weiß auch niemand so genau, was wir mit der Sache zu tun haben. Die Politiker wissen auch nicht weiter, aber irgendeiner hat wohl zwischenzeitlich gemerkt, daß dieser Kerl da“, Richardsen drehte sich dem Bildschirm in der Ecke des Raumes zu, über den gerade Live-Bilder des Riesen flimmerten, “weder Steuern zahlt, noch wählen darf. Darum sind plötzlich wir zuständig.“

„Oberst!“ , sprach er seinen heutigen Feind an ,“Wissen wir irgend etwas über Rübezahl, das uns weiterhelfen könnte?“

Der Oberst blicke in die Rund und räusperte sich:

„Komischerweise scheint dieser Riese keine Kurven zu kennen. Er geht schnurstracks und ohne größere Umwege in Richtung Süden, auf Ägypten zu, oder Lybien! Vielleicht ist er auf dem Weg in den Urlaub.“

Zwanzigfaches, heiseres Lachen erfüllte den Besprechungsraum. Das Lachen mußte natürlich heiser sein. Solcherart Gestalten wie in Nato-HQ Europa lachten immer heiser. Am liebsten zwischen zwei Marlbhoroughs. Scheinbar brachte man denen heute so etwas in West-Point bei. Was hatte der Oberst gerade gesagt? Da gefiel dem General etwas ganz und gar nicht. Lybien! Der Riese wollte nach Lybien und sich mit Ghadaffi verbünden. Und mit ihm zusammen die Welt erobern. Sonnenklar. Sein Gesicht wurde hart. Er ballte die Fäuste und hieb weit ausholend auf den Tisch. Seine Augen funkelten über die Gesichter der anwesenden Offiziere. Keiner hatte etwas gemerkt. Typisch. Deswegen war ja auch er Vier – Sterne –General und keiner von diesen Nieten.

„Lybien!“ brüllte Richardsen. “Er will nach Lybien!. Das werden wir zu verhindern wissen.“ Der General gestikulierte wild mit den Armen und drehte sich stürmisch der Karte zu. Er fixierte sie ein paar Sekunden. Welcher war aus strategischer Sicht der beste Punkt dem Riesen entgegenzutreten? Seine Gedanken überschlugen sich. Nein, er mußte die Sache anders anpacken. Welcher Punkt wurde sich in die Herzen der Menschen brennen?

Wo war eine Grenze, die auf der Karte nicht nur gut aussah, sondern auch jedem geläufig war? Schnell faste er seinen Entschluß: 

„Wenn er diesen Punkt überschreitet, meine Herren, greifen wir an.“

Richardson stocherte mit dem Finger auf der Karte herum, so in der Gegend um Athen.

„Nein, ich konkretisiere. Sobald er am Peloponnes an Land kriecht, machen wir ihn fertig.“

Peloponnes! Welch glückliche Wahl. So Antik! So symbolträchtig. Wenn er jetzt alles richtig anfing, dann würde der nächste Präsident Donald Richardsen heißen.

„Oberst, beraumen Sie eine Pressekonferenz an!“

  

Grimdok wähnte sich bald am Ziel. Was war das doch für eine beschwerliche Reise gewesen. Er hatte weite Ebenen, reißende Flüsse, träge dahin fließende Ströme und zerklüftete Gebirge überquert. Aber einsam war er dabei nicht gewesen. Wohin er auch kam, die Kleinen waren schon vor ihm da. In ihren Maschinen, auf ihren Wagen in ihren Fluggeräten. Er konnte während seiner ganzen Reise nicht einmal von Horizont zu Horizont gucken, ohne ihre schändlichen Spuren zu sehen. Qualmende Schlote wechselten sich ab mit Wüsten aus Stein. Die Kleinen schienen Grünes zu hassen, denn sie mauerten es unbarmherzig zu. Seine Lungen schmerzten aufgrund der vergiftete Luft und seine Ohren dröhnten von den ständigen Schallfluten. Seit er die Bernsteinküste erklommen hatte wurde er ununterbrochen von Wagen und Fluggeräten begleiten. Sie verhielten sich wie Adler und Hornissen. Aber wenigstens hatte man ihn nicht mehr mit Metallkügelchen belästigt. Er tastete seine Jacke nach dem Geschenk ab. Es war noch da. Was hatte es ihn in der vorigen Wachperiode doch für Mühe gekostet es herzustellen. Er freute sich so sehr auf den Augenblick, wenn er es überreichen würde.

Trotzdem stapfte er müde und enttäuscht auf die Stadt zu. Müde von der langen Reise, auf der es sich als am schwierigsten erwiesen hatte, keine Kleinen oder deren Unterkünfte zu zertreten und unvergiftete Nahrung zu finden. Enttäuscht, weil er das Paradies gesehen hatte und es nicht fassen konnte, wie die Kleinen ihr Erbe so behandeln konnten. Sie hatten die heiligen Verträge gebrochen. Wußten sie denn nicht mehr was sie taten?

Er umrundete gerade den letzten Hügel vor seinem Ziel. Und dann sah er die Stadt.

Aber es war keine Überraschung mehr. Nur noch eine Bestätigung. Die Stadt war nicht mehr die Stadt von früher. Sie war einst das Zentrum des Zaubers. In ihr trafen sich Weise und Könige und niemand empfand Scheu um Rat zu fragen. Im Gegenteil. Jetzt war die Stadt nicht mehr als eine vergewaltigte Greisin. Ein Warze auf dem Fundament einer glitzernden Perle. Niedergeschlagen trotterte er zu dem Platz, an dem früher Wunder vollbracht wurden. Immer umkreist von hunderten von Kleinen, die ihn sensationslüstern

angafften. Er richtete sich zu seiner ganzen Größe auf und brüllte den finsteren Schmerz in die Welt hinaus. Aber tief in seinem Innern bezweifelte er, daß ihn jemand hören würde.

Den Schrei ja, aber nicht seine Bedeutung.

Vor dem Platz, der die ganze Zeit sein Ziel gewesen war, ließ er sich auf die Knie fallen und neigte ehrfürchtig sein Haupt. Dann griff er in die Jackentasche, holte vorsichtig das Geschenk heraus und legte es auf den Boden. Kurz befürchtete er, daß die Kleinen es entweihen würden. Aber nein, bei aller Schande, die sie auf sich geladen hatten, das würden sie nicht wagen. Also erhob er sich schwer, verneigte sich noch einmal und ging weiter in südliche Richtung. Er wußte nun, was zu tun war. Kurze Zeit später erreichte er abermals eine Küste. In der Ferne konnte er Handland sehen. Aber Handland war nicht sein Ziel. Nicht mehr. Was sollte er auch dort? Die Kleinen waren schon da. Wie er schwach erkennen konnte, hatten sie sich dort aufgebaut. Zu hunderttausenden. Mit Maschinen, die böse aussahen. Nein, das war nicht seine Zeit. Und eigentlich war es auch nicht so recht seine Welt. Nicht mehr. Grimdok würde sich wieder auf den Meeresgrund begeben und in steinernde Starre verfallen. Er hoffte, daß die Erde in hunderttausend Jahren von dieser Pest befreit sein würde. Vielleicht waren es dann die Ratten oder die Ameisen, die das Erbe verwalteten, anstatt es zu vergewaltigen.

Langsam stieg er ins Meer. Wieder zog donnernd ein Fluggerät über seinen Kopf durch den Himmel. Ein letzter Gruß, auch wenn es ihm schwerfiel.

 

General Richardsen sonnte sich im Blitzlichtgewitter aus `zig Kameras. Mit einem Sonny-Boy-Lächeln schritt er auf das Rednerpult zu. Kurz bestaunte er die Vielfalt der darauf angeschraubten Mikrofone. Alle waren sie da. CNN, NBC, BBC, ARD, ZDF, ABC. Die Mikrofone sahen aus wie ein ausladender Strauß Blumen. Am liebsten hatte er sich ganz alleine der Welt gestellt. Als Sieger von Griechenland. Aber seine Berater, die auf einmal fürchterlich präsent waren, hatten ihm zu zwei PR-Gags geraten.

„Meine Damen und Herren! Darf ich ihnen vorstellen? Der Mann, der den Riesen zuerst und zuletzt gesehen hat. Ole Bergussen, der dänische Marineflieger.“

Der schüchtern wirkende Soldat trat neben den General. Prompt steigerte sich das Blitzlichtgewitter in ein so verdammtes Feuerwerk, wie seit der Offensive im 100 Stunden Krieg 1991 nicht mehr.

„Leutnant Bergussen!“ rief einer der Reporter. Richardsen betrachtete den Mann genauer und ihm gefiel überhaupt nicht, was er da sah. Der General hielt es für eine Aura aus Arroganz, Eitelkeit und Perversionen, die den Journalisten umgaben. Gott sei gesegnet, daß solche Typen nicht in der Army sind, dachte er in dem Augenblick, als er das Namensschild auf dem Revers des halbglatzigen Mannes erkennen konnte Es war so ein verdammten Kraut. Frank Rohland. Er nahm sich vor dafür zu sorgen, daß dieser Kerl nie mehr die Gelegenheit erhielt im Nato - HQ zu arbeiten. Aber heute durfte er noch seine Frage stellen:

„Was hat der Riese gemacht, als Sie ihn zuletzt gesehen haben?“

Ole lächelte schief und lehnte sich zu den Mikrofonen nach vorn. So wie er es bei hunderten Pressekonferenzen von hunderten von Politikern gesehen hatte. Das macht halt den Unterschied zwischen einem Amateur und einem Profi aus, dachte Richardsen schadenfroh. Nein, was war der Junge noch grün hinter den Ohren.

Leise und unsicher kam die Antwort:

„Er, er tat das Gleiche, wie an dem Tag, als ich ihn entdeckte. Er drohte mir mit der Faust.“

Die Reporter schossen noch die eine oder andere Frage ab, aber der General hörte nicht zu. Er war voll und ganz damit ausgelastet eine gute Figur abzugeben. Sollten sie sich drüben in Amerika schon mal an seine Präsenz gewöhnen. Als erstes würde er den Rooseveltraum schwarz streichen. Endlich kam das Zeichen seines Berater. Der Leutnant wurde sanft aber bestimmt in den Hintergrund verwiesen und der General Donald Richardsen machte sich für die nächste Eröffnung bereit. Für sein Ticket ins Weiße Haus.

„Sie alle sind bestimmt mächtig neugierig auf das, was uns der Riese so salbungsvoll hinterlassen hat. Nun, die Army hat es geborgen“

Er trat zurück und gab den Blick auf einen Gegenstand frei, der im Dunkeln der Bühne in einem schweren, schwarzen Stoff gehüllt lag. Atemlos Stille machte sich breit. Nur ab und zu störte das Klicken eines Kameraauslösers die gespannte Atmosphäre.

Zwei Soldaten sprangen herbei und zogen mit geschickten Handgriffen des Tuch von dem rätselhaften Objekt. Zum Vorschein kam eine wunderschöne Arbeit aus feinstem, dunklen Ebenholz. Sie zeigte eine wunderbar geschnitzte Blume, deren Blattwerk und Blüten unirdisch schön wirkten. Niemand traute sich etwas zu sagen. Für einen Moment schien die Welt stillzustehen. Von dem Kunstwerk gingen unterschiedliche Gefühle aus. Ähnlich wie sich Wellen in einem See ausbreiten, erfaßten sie nacheinander alle Zuschauer in dem Konferenzsaal. Ergriffenheit, Trauer, Demut, aber auch ein bißchen Stolz und Hoffnung.

Ole Bergussen war der erste, der Worte fand. Und diese Worte gingen in die Weltgeschichte ein: „Es ist eine Rose. Eine Rose für das Orakel von Delphi.“   

      

[HEIM] [STORIES] [Frankenstein] [Graf] [Splatter] [Grimdok] [SEHLIEDER] [TESTS] [Peter Pan] [Wo die Drachn Schlange stehen] [Das Orakel von Arrantas]