GÄSTEBUCH

Es ist in Ordnung, wenn ihr eure wahren Namen verschweigt, denn wer will schon mit diesem Mist hier in Verbindung gebracht werden?    ( 

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Der lustige Graf

 

Nun stand ich vor der Ankleide und machte mich mit überlegten Bewegungen und mit seit Jahren geübten Handgriffen für das Abenddinner fertig. Es sollte meine zweite Begegnung mit dem Grafen werden, seit ich gestern Abend auf seinem Anwesen eingetroffen war. Anwesen? Es war ein finsteres Schloß, finsterer, wie die dunkelsten Stadtteile Londons, von wo aus ich den langen Weg bis in dieses merkwürdige Land Transilvanien gereist war.

Langsam band ich die Fliege und lauschte dem Lärm des Wanderzirkus, der mit seinen Attraktionen vom Fuß des Berges lockte. Die Geräusche klangen sehr gedämpft, als hätten sie Mühe, das Unheimliche, das Unfaßbare, das diesen Ort umgab, zu durchdringen. Aber sie klangen nach Leben und vielleicht verfremdete gerade diese Eigenschaft die ganze Situation.

Ich war hier, um in meiner Position als Anwalt der berühmten Londoner Kanzlei Woodpecker & Hansen, mit dem Grafen Dracula einen von ihm initiierten Immobilienkauf abzuschließen. Mein Vorgänger der den Hauptanteil an der Aquise dieses Geschäftes getragen hatte, konnte Arbeit leider nicht abschließen. Er verließ dieses erdrückende Land aus irgendeinem, vermutlich nur ihm bekannten Grund, als psychisches Wrack. Nun verbrachte er seine Zeit insektenkaunend in der Anstalt neben dem Tower, während ich hier im Begriff war die Früchte seiner Arbeit zu ernten.

Die schwere Wanduhr schlug das erste Viertel nach acht Uhr. Ich mußte mich auf den Weg machen. Gestern hatte ich den Grafen nur kurz zu Gesicht bekommen. Er hatte mich mit Augen, die ich nur als die von Raubtieren beschreiben kann, fixiert und sofort bemerkt wie erschöpft ich von der Reise war.

Er bestand darauf, mich höchstpersönlich in meine Gemächer zu führen und mir beim Rasieren zuzusehen. Dabei versicherte er beiläufig, daß dieses angsterfüllte Geschwätz, welches ich bei den Leuten im Dorf vermutlich vernommen hatte, nichts als abergläubischer Unsinn sei. Trotzdem war ich so nervös, daß mir die Klinge zweimal entglitt und meine Haut aufschlitzte. Unverständlicherweise geriet der Graf darüber jedesmal in euphorischer Verzückung. Er ließ sich nicht einmal davon abbringen, das blutige Messer selbst zum Dienstpersonal zu bringen.

Die darauffolgende Nacht war furchtbar gewesen. Ich träumte von Schreien in der Nacht und von vollbusigen Damen, die mich erst langsam verführten, nur um sich im Augenblick höchster Extase in blutrünstige Furien zu verwandeln. Ich wälzte mich hin und her und wachte schließlich schweißüberströmt auf.

Den ganzen Tag konnte ich die bleierne Müdigkeit nicht so recht abschütteln. Ich verließ mein Zimmer nicht, sondern konzentrierte mich auf meine Arbeit und auf meinen Brief an die geliebte Kathrine, die bestimmt daheim in London ungeduldig auf meine Rückkehr wartete.

Nun sollte ich dem Graf wieder gegenübertrete. Was würde mich diesmal erwarten? Niemals zuvor hatte ich einen so ernsten Menschen wie ihn getroffen. Mensch? Konnte man solch ein Wesen ruhigen Gewissens überhaupt als Mensch bezeichnen? Oder hatte er sich schon soweit von seiner Art entfernt, daß man in anderen Begrifflichkeiten reden mußte? Er strahlte die Würde von Jahrhunderten aus. Gleichzeitig hatte man den Eindruck, daß genau diese Erfahrung ihn zu dem gemacht hatte, was er zu sein schien. Etwas fremdes. Ein Herrscher über ein Reich, daß niemand auch nur annähernd begriff. Hatten die Bewohner dieses kahlen Landstriches in den zerklüfteten Schluchten der Kaparten vielleicht doch Recht? Sie erzählten Mähre von blutsaugenden Nocturnen, die man nur durch die Macht eines eisernen Glaubens bannen könne. Auf dem Marktplatz des geschundenen Dorfes, in dem mich die Kutsche abgeholt hatte, ließ sich eine alte, geknechtete Frau nicht davon abbringen mir ein kleines Kreuz als Anhänger einer Silberkette zu schenken. Ich vergewisserte mich, daß es sauber auf meiner Brust hing, bevor ich die schwere Holztüre mit den grauenvollen Ornamenten öffnete, um mich zu meiner Verabredung zu begeben.

 

Die Gänge des Schloß durchschnitten die in ihnen herrschende Dunkelheit wie eine Felsklippe einen ruhig dahin fließenden Bach. Die Finsternis öffnete sich nur gerade so viel, um widerspenstig den Weg freizugeben. Dicke Teppiche zierten den Boden und ließen mich meinen, durch zähen Morast zu laufen. Von den Wänden starrten mich die Bilder der Ahnen des Hausherren an. Sein Geschlecht reichte wohl bis weit in die Frühzeit der Geschichtsschreibung.

Das Schloß schien ebenso alt, denn alles in ihm verströmte den elenden Geruch des Verfalls. Das letzte Bild am Ende des Ganges zeigte einen Grafen Egidius Dracula, der im Jahre 985 gestorben war. Die nächsten fünf Meter Wandfläche waren noch blank.

Ich hatte keine Zeit mich darüber zu wundern, denn ich erreichte die Tür zum Speisesaal. Gestern hatte ich kurz die Gelegenheit, einen ersten Eindruck von diesem Raum zu gewinnen. Noch jetzt schüttelte ich mich aus Entsetzen über die triste Mattigkeit, die in ihm vorherrschte. Ich fragte mich, wie ich wohl auch nur einen Bissen runter bringen sollte.

Wie von Geisterhand öffneten sich die dunklen Flügel der Holztür und gaben mir den Weg frei. Ich trat ein und mußte geblendet die Augen schließen. Was war hier geschehen?

Der Raum war eine Quelle gleißender Helligkeit. Kein Vergleich mehr zu gestern. Sogar die vorher kaum zu erkennenden Farben an den Wänden reflektierten ungewöhnlich vital. Der Graf hatte sich die Mühe gemacht, den Raum mit Fackeln zu erleuchten und mit lustigen Stoffgirlanden zu verzieren. Auf dem langen Eichentisch lag ein wunderschönes Tischtuch. Es war mit bunten Blüten bedruckt.

Ich ließ mich am Gästeende der Tafel nieder und genoß die veränderte Atmosphäre. Ohne Vorwarnung erschien der Graf. Auch er hatte eine Metamorphose durchgemacht. Von dem tristen, modrigen Gewand war nichts mehr zu sehen. Er trug einen hellen Anzug Einen von der Sorte, die zur Zeit in London bei Cocktailpartys getragen wurde. Mit breiten Lachen kam er auf mich zu und begrüßte mich überschwenglich.

„Wie geht es Ihnen heute Abend, mein lieber Mr. Morris? Ich hoffe Sie hatten einen angenehmen Tag? Hach, ist es hier nicht herrlich? Hä, hä, hä !“

Ich war völlig perplex. Den Grafen schien das nicht weiter zu stören. Er ergoß sich in einem Wasserfall von stimulierenden Geschichten, parodistischen Einlagen und ungewohntem Wortwitz.

Wir speisten ausgiebig, und eine Pointe jagte die anderen. Nach einer gewissen Zeit ließ ich mich vom Übermut des Grafen anstecken. Wir alberten herum, bis uns vor Lachen die Bauchmuskeln schmerzten. Wein floß in Strömen und ich fühlte mich so richtig wohl, bis mir schlagartig bewußt wurde, wie unwirklich die Situation war. Wie abstoßend fremd war sein Verhalten zu all dem, was ich von ihm gehört hatte. Wie unterschied sich alles vom Eindruck, den ich gestern erhalten hatte. Intuitiv begann ich darüber nachzudenken, was wohl geschehen war.

Und in mir keimte ein unglaublicher Verdacht auf, als ich die letzten zwei Tage Revue passieren ließ. Ich beschloß meine Theorie bei nächster Gelegenheit nachzuprüfen.

Diese kam bald. Es war kurz nach 24.00 Uhr, als sich der Graf kurz verabschiedete um ein Buch mit 20 heiteren Geschichten aus dem Balkan zu holen, aus dem er vortragen wollte. Ich war fest entschlossen die Zeit seiner Abwesenheit zu nutzen, um seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Mit einem bißchen Glück würde es mir gelingen, die entscheidenden Hinweise zu finden.

Ich sprang auf und untersuchte den Raum. Mit jeder Minute, die verging, wuchs meine Verzweiflung. Trotzdem zwang ich mich, die Suche systematisch fortzusetzten. Ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt, aber ich wurde tatsächlich fündig. Hinter einer schweren, morschen Holztruhe, fand ich das, was trotz aller Bemühungen des Grafen einfach nicht hier hinein gehören konnte.

Es war eine krause Perücke aus grünen Haaren und eine kleine rote Pappschachtel, an deren offenen Seite eine Schlaufe befestigt war.

Mir schlug das Herz bis zum Hals. Dieses Ungeheuer! Mein Verdacht wurde von der brutalen Wirklichkeit bei weitem übertroffen. Plötzlich spürte ich einen kalten, grauenvollen Luftzug im Nacken. Ich drehte mich herum und sah dem Grafen von Dracula direkt in die Augen. Er blinzelte vergnügt und deutete auf die beiden Fundstücke, die ich vor mir in Händen hielt.

„Das erklärt, warum sie so lustig sind, Graf Dracula.“, rief ich anklagend, wobei sich meine Stimme fast überschlug.

Er strahlte mich an: „Sie sind ein sehr gerissener Mensch, Mr Morris.“

Trotz dieser Freundlichkeit schrie ich ihm die Wahrheit ins Gesicht, ohne Rücksicht darauf, welche Konsequenzen mich erwarten würden:

„Sie Monster! Sie haben einen Clown gefrühstückt!“                        

 

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